Bilder & Berichte

2019: Interessante Radtour zu vergessenen Orten mit Heimatfreund und –forscher Walter Biermann

Sonntag, 05.05.2019

Es war zu erwarten, dass bei diesem in Dorsten sehr bekannten Tourenleiter eine ansehnliche Teilnehmerschar mitfahren wollte. Und so war es dann auch.

Mit 24 gut gelaunten Vereinsmitgliedern und wieder einigen interessierten, orts- und geschichtskundigen „Schnuppergästen“, ging es nach der Begrüßung und Vorstellung einiger unserer neuen Vorstandsmitglieder - Heidrun Trompeter als Beisitzerin und Ulrich Keller als 2. Vorsitzender – auch gleich los auf die von Walter Biermann sorgfältig ausgesuchte Route zu längst vergessenen Orten/Stellen in Hervest, Deuten-Sölten und Holsterhausen. Nach dieser Exkursion war nun allen bekannt, dass und wo die ehemalige Schule der „Gottlosen“, die Gemeindebadeanstalt neben dem Blauen See, die ehemalige Lorey-Windmühle und wertvolle Relikte aus der Römerzeit verborgen sind und wo einigen Menschen in Holsterhausen eine glaubhafte Erscheinung Mariens widerfahren ist.

Ablauf der Tour

Walter Biermann führte die Gruppe zunächst über die Hohenkampbrücke nach rechts auf die Borkener Strasse zwischen ehemaligem Polizeigebäude und Restaurant Henschel. Hier klärte er über die damalige Freicorps- und Spartakisten-Szene 1887 bis 1919 in Dorsten um den Arbeiterführer Wilhelm Zdunek auf. Er ist 1919 von Angehörigen des Freikorps ermordet worden sein. Über seinen Tod gibt es mehrere zeitgenössische Varianten. In den 1920er-Jahren wurden er sowie den beiden anderen getöteten Arbeiterführern Adalbert Fest und Karl Krappmann außerhalb des Friedhofs an der Gladbecker Straße ein Grabmal gesetzt. Dazu konnte Walter Biermann ein altes Foto zeigen. Von dort ging es weiter in die Wasserstrasse. Gleich am Anfang kurz hinter der Unterführung ließ er anhalten um an dieser Stelle gegenüber dem Deich auf die ehemalige Sägewerksmühle Lorey (Windmühle) hinzuweisen, die 1912 abbrannte. Es wird vermutet, daß es ein alter Wirtschaftsweg war, der von der Wasserstraße zur Lippe führte und an dem die Mühle und das Gehöft Cirkel lag. Der Holzplatz am Hervester Bahnhof zeugt noch von der dortigen Lagerung u.a. auch des Sägewerkes. Direkt an der nahe gelegenen Eisenbahnbrücke – vor Einbiegung der Augustastraße – machte Walter Biermann noch auf die seinerzeitigen Regatten der Kanufreunde Dorsten um das „Blaue Band „ auf der Lippe aufmerksam.

Es ging weiter – nur ein kleines Stück entlang der Wasserstrasse bis zur Ecke Joachimstraße – da wo der Allgemeiner Bürgerschützenverein Hervest-Dorsten e.V. sein Domizil hat (Beispiel Osterfeuer u.s.w.). Hier, an dieser Stelle stand früher um 1930 die friedlich grasende Kuh „Elsa“ - allen älteren und „Alteingesessenen“ Hervestern ganz bestimmt noch ein Begriff. Am großen, ebenfalls alteingessenen Möbelhaus Wemhoff an der Ecke Joachimstrasse / An der Landwehr dann ein kurzer Schauer – man konnte sich etwas unterstellen. Es dauerte nicht lange und wir fuhren weiter auf die Halterner Strasse, Nähe großer Kreisel. Auf der rechten Straßenseite noch vor der Bahnunterführung wurde angehalten: Weiter hitner der Unterführung auf der linken Seite der Halterner Straße befand sich die große 3-stöckige Villa Klapheck – Johann Klapheck war Inhaber einer schon vor 1900 gegründeten großen Holzhandlung und Dampfsägerei (Gelände reichte vom Holzplatz - Hervester Bahnhof - dort auch andere Firmen - bis hin zur Amtsverwaltung. Später dann residierte hier die Zahnarzt-Praxis Meyer, danach Innenarchitektin Zschoch.

Unter der Eisenbahnunterführung ging es nach rechts abbiegend in Richtung des Hervester Bahnhofes (Holzplatz) – zwischenzeitlich liebevoll und aufwändig umgebaut und Heimat der Freien Christengemeinde. Jetzt ebenfalls ganz aktuell und neu, der vollkommen überplante und neu gestaltete Vorplatz und der hintere Teil mit Fahrrad-Parkplätzen us.w. An der ebenfalls vollkommen neu gestalteten Bismarckstraße nach Entfernung der kaputten Unterführung und Anhebung der Straße machte uns unser Tourenleiter auf die dort gegenüber gelegene weit über Dorsten hinaus bekannte ehemalige große „Dorstener Eisengießerei und Maschinenfabrik A.-G. 1873 gegründet und unter dem Begriff „Dorstener“ weltweit bekannt und geschätzt, gehörte einst zu den führenden Unternehmen des speziellen Schwermaschinenbaus und war in mehr als 100 Ländern präsent. Sie hat wahrlich in Dorsten Geschichte geschrieben. Hinter der Zukunft der Dorstener Maschinenfabrik stand lange ein Fragezeichen – zuletzt als funktionslose, börsennotierte Aktiengesellschaft. Das Traditionsunternehmen war 2001 von der Zollern GmbH übernommen worden, doch die machte das Werk an der Hüttenstraße im letzten Jahr endgültig dicht. Über die Bismarckstrasse ging es weiter nach links abbiegend in den Nöttenkamp und weiter „Am Strandbad“.

Hier gab es einen herrlichen Blick in die Wiesen und Aue vom naturnah gestalteten Hammbach, der nun wieder zum Blauen See hin eine nagelneue Brücke aus Alu erhalten hat – besser geht es nicht. Nach Überfahrt der Brücke am Ufer des Sees ließ Walter Biermann hinter dem technischen Gebäude der RWW nahe der Luisenstrasse abermals anhalten. Hier wurde damals gebadet – im Strandbad neben dem Blauen See (so richtig mit den entsprechenden Anlagen, es war ja um 1933 eine „Gemeindebadeanstalt“. Auch unser Ehrenvorsitzender Walter Schulte ließ sich hier gerne ins Wasser gleiten. Nächste Station war dann etwas ganz Spezielles und wohl keinem der TeilnehmerInnen bisher bekannt – im Bereich Söltener Landweg, Friedrich- Luisen- und Elisabethstrasse biegen wir auf eine geräumige Grünfläche mit Spiel-und Sportgeräten zwischen den Häusern ein : Nach dem Ersten Weltkrieg forderten Eltern im Ruhrgebiet bekenntnisfreie Schulen. Auch in Hervest und Holsterhausen propagierte eine „Freie Elternvereinigung“ dieses Ziel. Nachdem Eingaben an die Regierung in Münster keinen Erfolg hatten, traten die überwiegend kommunistischen und sozialdemokratischen Eltern in Streik und hielten ihre Kinder von den Schulen fern. Bis zu 20 Prozent aller Schulkinder in Hervest (rd. 400) und Holsterhausen (rd. 250) blieben zu Hause. Die „weltlichen Klassen“ wurden dann Ostern 1921 eingerichtet und firmierten unter diesem Etikett bis 1933. Während es in Hervest bei den Klassen blieb, wurde in Holsterhausen zwischen dem Söltener Landweg und der Straße „Am Lippink“ in Höhe Cecilien- Roon- und Victoriastrasse 1922 die erste konfessionslose Schule in Dorsten gebaut, die Baldurschule, die der Wilhelmschule zugeordnet war, und im kirchlich geprägten Volksmund „Gottlosenschule“ hieß. Rund 150 Kinder von Kommunisten, Sozialdemokraten, Zeugen Jehovas und Freidenkern bekamen dort Unterricht. Einige Fotos dieser Schule und Umgebung konnten angesehen werden. Und dann konnte Walter Biermann noch eine kurios anmutende Begebenheit aus Holsterhausen erzählen: Nach der Überlieferung mehrerer Personen soll ihnen in der Antoniusstrasse, Höhe Nr.11 am 02.Mai 1940 die erste von 13 Erscheinungen der Gottesmutter Maria erschienen sein; die letzte dann in Dorsten am 03.April 1954.33 Jahre späteram 03.April 1987 wieder einmal – jetzt in Amsterdam. Sie soll diese letzte Erscheinung in Holsterhausen angekündigt haben mit der Bitte um Errichtung einer Kirche in der Ahornstrasse. Da konnten alle Mitfahrer nur ehrfürchtig staunen.

Es ist jetzt ca. 12:30Uhr und es wird Zeit, weiterzufahren – wir sind verabredet mit Dipl.-Ing. Rainer Thieken in seinem Architektur- und Ingenieurbüro Auf`m Diek 30. In seinem Anwesen beherbergt er in einer temperierten Vitrine wertvolle Funde aus der Holsterhausener Römerzeit – 1952 gefunden bei archäologischen Funden im nahegelegenen Kreskenhof-Gelände des ehemaligen Landeserziehungslagers. Es handelt sich hier vor allem um alte Vasen und Krüge, nach unten zur Öffnung hin sich verjüngend – ursprünglich aufbewahrt im Dorstener Heimatmuseum im Alten Rathaus am Markt 1 – das in diesem Rahmen sich ansehen zu können, war schon beeindruckend, zumal Rainer Thieken entsprechend hierzu Vergangenes/Historisches zu berichten wusste. Weiter ging es am Kreskenhof und das ehemalige Gelände des von 1908 bis 1915 betriebenen Keramit- und Stahlwerk-Geländes jenseits der Strasse wurden sichtbar – allerdings heute nur noch Teile der Werksmauer und des bewohnten ehemaligen Pförtnerhauses. Von dort ging es langsam über die ehemalige Bahntrasse wieder zurück zum Atlantisbad – nicht ohne zuvor noch an der Erinnerungsstation der im haltenden Zug der Bahnlinie Haltern-Wesel unter Beschuss genommenen und getöteten jungen Soldaten innezuhalten. Die Baldurstrasse überquerend und ein letztes Mal abbiegend – jetzt nach rechts zum ebenfalls geschichtsträchtigen ehemaligen Gut Hohenkamp mit seinem immer noch vorhandenen Herrenhaus . Ursprünglich als Wehr- und Wachanlage ausgebaut, verfügt es über eine wechselvolle Geschichte - auf einem ehemaligen Denkmal ist nur noch der Sockel mit einem Pferdemotiv im idyllischen Wäldchen zu sehen - beherbergt heute an moderne, weit über Dorsten hinaus bekannte Pferdeanlage. Nach einer Danksagung an dieser Stelle an unseren Tourleiter und Heimatfreund Walter Biermann waren es nur noch wenige Meter über die Hohenkamp-Brücke. Im schönen Jamaika-Café unseres Spaßbades Atlantis dann erfolgte bei anregenden Gesprächen wie üblich der Ausklang dieser tollen und erkenntnisreichen Exkursion.

Auch an dieser Stelle möchte der Verkehrsverein Dorsten Walter Biermann noch einmal ganz herzlichen Dank sagen – bis zum nächsten Jahr!

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